texte zu benno hinkes








Buchankündigung des transcript-Verlags:  Benno Hinkes - Aisthetik der (gebauten) menschlichen Umwelt

Gebaute Umwelten – Zimmer, Gebäude, urbane Plätze – werden von uns jeden Tag bewusst und unterbewusst wahrgenommen und wirken auf uns ein. Können künstlerische Installationen dazu dienen, diese Wirkungsweise zu erforschen? Ist es auch philosophischen Ansätze möglich, sich dieser Fragestellung zuzuwenden, ohne dabei vor empirischen Verfahrensweisen oder der Zusammenarbeit mit künstlerischen Positionen zurückzuschrecken?

Benno Hinkes nähert sich den Themenfeldern Alltags- und Umweltästhetik, Installationskunst und philosophische Wahrnehmungsforschung auf ebenso grenzüberschreitende wie fundamentale Weise und steckt die Eckpfeiler eines eigenständigen transdisziplinären Forschungsbereichs ab: der Aisthetik der gebauten Umwelt.







Bericht einer Besucherin

Text: Berta Gritzmann, Kunsttheoretikerin; Text zu: Installation HEIM # 03 von Benno Hinkes


HEIM # 03 wirkte als Raum in einem Raum. Als ich den Ausstellungsraum betrat und die Arbeit sah, nahm ich als erstes eine braune Tür mit einer weißen Klinke wahr, durch die ich versuchte, dass Objekt zu betreten. Die Tür war verschlossen. Auch nach intensivem Druck gab der Widerstand der Tür nicht nach. Dem Zugang versagt, begann ich um das Objekt herumzugehen und auf Nischen zu stoßen. Während man auf der Frontseite in einer Nischen-Sackgasse stecken bleiben konnte, hatte ich an der Querseite Erfolg und gelangte in einen langen schmalen Korridor, von dem aus weitere Gänge und Türen abgingen. Durchschritt ich den Korridor, konnte ich nur zurückgehen oder in die Seitenarme ausweichen, um an anderen vorbeizukommen. In einem dieser Seitenarme, dessen Decke angeschrägt war, entdeckte ich eine Wolldecke und ein Kissen ordentlich zusammengelegt, so dass Assoziationen zu einer Unterseite eines Treppenhauses aufkommen konnten.



Versuchte ich die im Inneren befindlichen Türen zu öffnen, gingen sie nur einen Spalt weit auf. Auch bei intensivem Druck an dieser Stelle öffnete sich die Tür nicht weiter und ich konnte nicht feststellen, welcher Art der Widerstand war. Der Spalt erlaubte es, lediglich durch Details im Raum die Funktion des Raumes zu erkennen aber gestattete nicht, diesen zu betreten. Ich nahm Fliesen und einen Toilettenpapierhalter an gewohnten Positionen wahr und konnte daraufhin ein Badezimmer assoziieren.  Die gleiche Konzeption sah ich ebenfalls auf der gegen-überliegenden Seite. Ging ich den Korridor weiter entlang, nahm ich auf beiden Seiten und auf gleicher Höhe, Fenster mit Lamellen auf der Außenseite, wahr. In ihnen konnte ich, anstatt der äußeren Umgebung lediglich mich selbst und das gegenüberliegende Fenster spiegeln. Erreichte ich das Ende des Korridors, gelangte ich an eine Kreuzung, deren von ihr abgehende Wege aber zu eng waren, um sie weiter zu gehen. An diesen Stellen sah man auf beiden Seiten eine Lampe, einen Spiegel und braune Tapete, die sofort an Hausflure oder Eingangskorridore erinnerten. Merkwürdig war nur, dass der scheinbare Eingangsbereich sich am Ende des passierbaren Korridors befand [...].

Als ich mich innerhalb dieser Rauminstallation aufhielt, entstand in mir das Gefühl von Enge und Bedrängnis. Ich assoziierte anhand der wahrgenommenen Einrichtung und diesem beschriebenen Gefühl eine kleine, enge Neubauwohnung. Doch widersprach die Anordnung der Räume dem gewohnten Bild in der Vorstellung. Ist eine Wohnung schon so klein, wieso gibt es dann noch mehrere Räume mit der gleichen Funktion, wohingegen andere Raumfunktionen scheinbar gar nicht belegt waren? Oder lagen sie hinter den nicht ganz zu öffnenden Türen? Das Absurde dieser Anordnung relativiert die vorher entstandene Assoziation einer Neubauwohnung und ließ sie trotzdem gleichzeitig bestehen. Anders als bei anderen Künstlern hatte ich nicht das Gefühl allein in die Kulisse einer fremden Privatsphäre einzudringen; wohl deshalb, weil die äußere Erscheinung und die Dopplung der Räume die Wirkung verfremdeten [...].


Bilder zur Arbeit HEIM NR.03 (> heim # 03)






In real existierenden Parallelwelten - zu Benno Hinkes Subversionen von Raum und Selbst

Text: Susanne Altmann, Freie Kuratorin/Publizisti; Text zu: Benno Hinkes, Katalog 03/07


2000/2001 [verlegte Benno Hinkes] seine ersten räumlichen Irritationen in die Etagenwohnung eines Dresdner Mietshauses [...]. Mit KELLERRAUM fanden sich die leicht verwirrten Besucher unversehens in einem schräg in das Wohngeschoss eingeschobenen Keller wieder – die Illusion war perfekt bis hin zu dem durch einen vermeintlichen Gehwegrost in das schmale Fenster einfallenden Tageslicht. Ein Raum durchdrang den anderen und hob Erwartungshaltungen und Orientierung kurzerhand aus den Angeln. Dabei spielte Benno Hinkes sparsam mit Versatzstücken des Vertrauten als Lockmittel und Anhaltspunkt, um dann eben jene Orientierung zu verweigern und den Betrachter in einem Gefühl zwischen kurioser Spannung (schließlich ist’s ja nur ein Kunstwerk!) und physischem Unbehagen zurück zu lassen.



Diese Absicht wurde einmal mehr deutlich der Anlage HEIM NR.03 (2003), die sich von außen als rhythmisch gegliederte Großskulptur mit Architekturverweis gab, dann aber in ihrer Zugänglichkeit die widersprüchlichsten Erfahrungen ermöglichte. Schmale Korridore in dieser stark abstrahierten Wohnlandschaft erinnerten durchaus an Gefühle, die Bruce Naumans “Green Light Corridor“ (1970) oder „Dream Passage“ (1983) noch heute auslösen. [...]

Wenn Benno Hinkes auch durchaus die Idee einer partizipatorischen Rezeption bewusst kultivierte, indem er zu einer Begehung der Gänge einlud, so inszenierte er jedoch einzelne Szenen wie Elemente der Wohnlichkeit in weitaus narrativerer, in stillebenartiger Geste. Dazu gehörten die nur spaltbreit einsehbare Badnische genauso wie der Kissenstapel unter der Treppenschräge. Der Parcours entlang jener nicht zu Ende formulierten Situationen erinnerte in seinem performativen Ablauf ein wenig an die bedrückende Promenade des kurzen Streifens „Film“ (1964), wo Beckett seinen Protagonisten (Buster Keaton) durch Sequenzen traumatischer Erlebnisse taumeln lässt. Analogien zwischen (psychischen) Raumerfahrungen und abgründiger Selbsterkundung illustrieren dort Verstrickungen eines Individuums mit sich selbst und seiner Umwelt. Die klaustrophobische Situation, in der der Held letztlich sich selbst zu entkommen sucht, wird zunächst im Außenraum (Mauer), im halböffentlichen (Treppenhaus) und in dann im privaten Bereich definiert – einer ähnliche Steigerung der Intimität begegnete man durchaus auch bei der Erschließung von Benno Hinkes’ HEIM NR.03. Hier wie dort erscheint die karge Kammer im Inneren wie eine dreidimensionale Übersetzung des in „Die Verlorenen“ oder „Losigkeit“ beschriebenen Raumgefühls.      

Hinkes freilich geht nicht mit solch fahlem Existenzialismus zur Sache wie dereinst Beckett oder später Nauman; auch bemüht er nicht wie Schneider Gruseleffekte, sondern domestiziert vielmehr den Abgrund der Selbstwahrnehmung. Doch wie diese setzt er auf Räume als die sozialen, kulturellen und individuellen Projektions- und Aktionsflächen der Nachmoderne.
  
Nachdem Michel Foucault in den 1960er Jahren mit seinen Thesen zu Räumlichkeit und Simultaneität versus Zeitlichkeit und historischer Chronologie aufwartete [3], haben seine poststrukturalistischen Analysen mit ihrem einsichtigen Lebensbezug zahlreiche Anhänger gefunden. Besonders das Modell der einander überlagernden Raumsysteme zwischen Ortlosigkeit und situativer Verankerung wie sie Foucaults „Heterotopien“ vorschlagen, inspiriert  Benno Hinkes Durchdringungskonzepte und seine Konzentration auf alltagsweltliche Nicht-orte – artikuliert in Kleinplastiken wie der Modellserie NICHT-ORTE (2004).

In der Folge beschäftigt sich Hinkes noch gründlicher mit der Figur der Heterotopien und deren alltagsweltlicher Symptomatik, zunächst mit SOME SPACE MISSING (Museum Usti nad Labem, 2005). Nun versteht Foucault Heterotopien als „Gegenplatzierungen oder Widerlager“ [4] zu konventionellen Gesellschaftsordnungen – da er auch Bibliotheken wie psychiatrische Anstalten dazu zählt, weist seine Argumentation gewisse Paradoxien auf. In dem Moment aber, wo er Heterotopien mit subversiven Potenzial als „tatsächliche realisierte Utopien“ kennzeichnet, fällt die Zuordnung von kollektiven Visionen: ob Künstlerkolonie oder Jesuitenkolleg, ob Friedhof oder Bordell leichter. Diese Modelle sind aus dem räumlich wie zeitlich festgelegten, mehr oder weniger reibungslosen Ablauf sozialen Funktionierens ausgegliedert. Sie haben zwar ihren physischen Platz, nehmen aber eine Sonderrolle ein, die Benno Hinkes in seinem Eingriff in dem tschechischen Museum visualisiert. Wie Focault die Figur des Spiegels als reflektierende beziehungsweise zur Reflektion anregende Membran zwischen Utopie und Heterotopie, also zwischen Vision und Realität installiert, sensibilisiert Hinkes für das fragile kulturelle und dennoch real existierende Konstrukt der Bewahranstalt Museum – indem er den Blick auf einen Museumsraum an allen Einsichtspunkten blockiert und dann durch das Guckloch auf den tatsächlichen Standort des Betrachters zurückwirft, mit entsprechenden großformatigen Abbildern.

Während Benno Hinkes also hier den Heterotopie-Gedanken von Focault gleichsam vor Ort illustriert oder besser markiert, geht er mit der Anlage seines ARTS & HUNGER PAVILION (2006) noch einen Schritt weiter. Mit diesem Selbstbedienungsladen für Bedürftige inszeniert er eine temporäre Heterotopie – also eine im Foucaultschen Sinne „tatsächlich realisierte Utopie“. [...] Dabei erfüllte diese soziale Choreografie gleichzeitig einen von Foucaults berühmten fünf Grundsätzen einer Heterotopie, nämlich den eines „Systems von Öffnungen und Schließungen, das sie gleichzeitig isoliert und durchdringlich macht.“[5] [...]

Trotz des dezidierten Theoriebezugs handelt es sich bei dem ARTS & HUNGER PAVILION zweifellos um den bislang engagiertesten künstlerischen Kommentar Benno Hinkes, der sich jedoch - wie zu zeigen versucht wurde - deutlich auf die bisher untersuchten Themengruppen von Raumgefügen und Wahrnehmungsmodellen bezieht. Während sich frühere Arbeiten eher mit architektonischen Implikationen auseinandersetzten, verstärkt der Künstler nunmehr seine sozio-politischen Interessen. Nicht nur im lokalen Kontext von New York City - mit seinen mannigfaltigen Brüchen, etwa zwischen dem exklusiven Universitätscampus und dem benachbarten Harlem -  ist Benno Hinkes phantasievolle Laden-Intervention, die auch die Ambivalenzen im Zusammenspiel zwischen Wirtschaftsinteressen und Kulturpolitik mehr als nur metaphorisch behandelt, ein höchst bemerkenswerter Beitrag.              


[1] Interview mit Bruce Nauman, Die Zeit, 43/2004;
[2] In diesem Sinne wird sich auch Benno Hinkes’ aktuelle Installation „Suburbia“ (2007, zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Beitrags noch im Aufbau begriffen ) zu diesen angenommenen Richtwerten aus Raumgefühl und forcierter Selbstwahrnehmung verhalten. Ähnlich wie „Kellerraum“ (2003) und „Heim #03“ ( 2003) wird dabei ein existierender Raum konstruktiv unterwandert und ein neuer kognitiver wie sozialer Erfahrungsraum implantiert – konkret in das dominante Gefüge des zentralen Oktogons in der Dresdner Hochschule für Bildende Künste.
[3] U.a. formuliert in Michel Foucault, Die Heterotopien/ Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge, Frankfurt/M. 2005, S.9/10 und ders., Andere Räume in: Barck, Karlheinz u.a. (Hrsg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig 1992, S.36-46
[4] Focault, Andere Räume, a.a.O., S.39
[5] Focault, Andere Räume, a.a.O., S.44






Dresden Suburbia

Text: Ausstellungsgelände Oktogon/HfBK-Dresden; Text zu: Installation SUBURBIA von Benno Hinkes


Die Installation Suburbia wendet sich dem thematischen Zusammenhang von Architektur und Gesellschaft, deren wechselseitigem Einfluß und Wandel zu. Sie untersucht insbesondere das Phänomen der Suburbanisierung, wie es in Ostdeutschland erst seit den frühen 1990er Jahren zu beobachten ist. Den thematischen Kontext der Arbeit bilden städtebauliche Konzepte, die am Ausstellungsort der Installation, hier in Dresden, sowie im gesamten ostdeutschen Raum seit der Wende von 1989 einen radikalen Wandel erfahren haben. Zu DDR-Zeiten wurden bekanntermaßen kollektive Wohnformen in Großraumwohnkomplexen, sogenannten „Plattenbauten“, von Staats wegen gefördert. Seit den frühen 1990er Jahren geht die historisierende Rekonstruktion von Innenstädten mit einer zunehmenden Suburbanisierung der städtischen Peripherie einher. Das Wohnen als Kleinfamilie in einem vorstädtischen Eigenheim stellt ein neues, staatlich gefördertes gesellschaftliches Ideal dar.  



Installationsbeschreibung: Im Rahmen der Installation wird ein suburbanes Einfamilienhaus schematisch im Maßstab 1:1 nachgebaut. In seinem Inneren wird eine fiktive Themenschau zum Motto „Wohnen im Eigenheim“ präsentiert. Als Vorbild für die Installation dient die einem Hausbaumagazin entnommene schematische Darstellung (Computervisualisierung) eines Fertighauses. Mittels der installativen Umsetzung wird der Kontrast von post-industrieller Fertigungsweise und rustikal-ländlichem Erscheinungsbild herausgearbeitet. Einen formalen Bezugspunkte der ortsspezifischen Installation bilden ferner die Wände des Ausstellungsgeländes, die während der Zeit der DDR in ruinösem Zustand belassen worden waren und heute in diesem Zustand in das Ausstellungsgelände integriert sind. Formal nimmt die Installation auf diese Situation Bezug, indem sie sich zwischen zwei vorhandene Räume des Ausstellungsgeländes platziert. Der Nachbau des Einfamilienhauses wird dabei von den bestehenden Wänden „durchtrennt“. Beide architektonischen Formen – original, ruinöse Wand und virtuelle Kulisse – kontrastieren einander. Explizit wendet sich die Installation ihrem Thema im Inneren zu. Hier wird unterschiedliches Material (Video, Sound, Bild) präsentiert, das verschiedene mit dem Thema verbundene Aspekte aufgreift: so den „Traum vom Eigenheim im Grünen“, den Zusammenhang von staatlicher Bau- und Familienpolitik, oder die Verbindung zwischen Wohnformen und Geschlechterrollen.

Bilder zur Arbeit SUBURBIA unter: "öffentlicher raum"






Urbane Parasiten

Text: KUNSTFORUM-INTERNATIONAL; Text zu: Kunst im öffentlichen Raum; URBANE PARASITEN von Regina Weiss/Benno Hinkes; im Rahmen von LOKALISATION-NISCH-RAUM
  

Drei Monate lang inszenieren 19 Düsseldorfer Künstler ihre Arbeiten im öffentlichen Raum des Stadtteils Eller. Bis zum Jahresende 2010 führen sie ihr Projekt „Lokalisation" in vier Teilen durch. Mit ihren Beiträgen wollen sie „die Strukturen und Gruppierungen eines Systems reflektieren".



Drei Monate lang inszenieren 19 Düsseldorfer Künstler ihre Arbeiten im öffentlichen Raum des Stadtteils Eller. Bis zum Jahresende 2010 führen sie ihr Projekt „Lokalisation" in vier Teilen durch. Mit ihren Beiträgen wollen sie „die Strukturen und Gruppierungen eines Systems reflektieren".

Dabei dient ihnen der architektonische Begriff der „Nische" als Metapher: „Eine Nische bezeichnet eine Vertiefung in einer Wand... Nischen dienen entweder als Gestaltungsmerkmal, um eine Wandoberfläche optisch interessanter zu gestalten, oder als Raum für Möbel und Heizkörper... Diese bauliche Beschreibung kann auf Gesellschaft strukturierende Überlegungen übertragen werden. Auch jede Subkultur bekommt im gesellschaftlichen Kontext Nischen und Ecken zugeteilt. Es sind Räume in denen Gedankengut lagert und eingruppiert wird. Ethnische Gruppierungen in Städten finden sich in einer Nische an den Rändern der Hauptkultur wieder [...]"